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Mitarbeiter gesucht – mit welcher Notdienstregelung?

Vor 10 Jahren

Vor 10 Jahren hatte ich eine Stelle in einer Pferdepraxis mit klassischer Größe und Service Angebot: Der Praxisinhaber und ich mit meiner halben Stelle kümmerten sich um die Kunden. Es war selbstverständlich, dass wir für unsere Kunden 24h rund um die Uhr erreichbar waren. Für meinen Chef war es zur Stärkung der Kundenbindung sehr wichtig, dass unsere Patienten im Notfall auch mit unserem Knowhow und unserem praxisindividuellen medizinischem Vorgehen versorgt wurden. Bevor er mich eingestellt hat, stellte der diesen Service alleine sicher. Er hatte eineinhalb Jahre lang keinen einzigen Tag völlig frei gehabt.  Für mich bedeutet dies dann, dass ich 50% der Notdienste und Wochenenden übernommen habe – und das mit einer 50% Stelle. Also hatte ich nur Arbeitstage mit 24h Rufbereitschaft. Das war für mich damals völlig selbstverständlich. In Punkto Arbeitszeit sammelten sich so zwischen 30 bis 40 Stunden pro Woche an. Auch das war damals üblich für eine 50% Stelle.

Heute

Heute würde kein Praxisinhaber einen Mitarbeiter für solch eine Stelle finden. Sogar in Uni-Städten ist es schwierig, Mitarbeiter zu finden, die sich an einem 3er Rhythmus beteiligen.  Notdienst nur jede dritte Nacht und jedes drittes Wochenende, das war damals für uns ein Traum, den man sich als junger angestellter Tierarzt erst einmal erarbeiten musste. Heute lehnen Kollegen, die direkt von der Uni kommen solche Stellen einfach ab. Und das tun nicht nur einzelne junge Tierärzte sondern die große Mehrheit der Absolventen.

Änderung der Einstellung

Diese Änderung in der Einstellung zum Beruf und in den Erwartungen an eine Stelle innerhalb von 10 Jahren trifft nicht nur unsere Branche. In der Humanmedizin wird sogar schon seit 5 Jahren darüber wissenschaftlich veröffentlicht. Soziolagen sehen hier einen klassischen Generationenkonflikt zwischen den Generationen der Babyboomer und der Generation X auf der einen Seite und der Generation Y (Jahrgänge ab 1980) auf der anderen Seite. Die Einstellung zur Arbeit hat sich wesentlich geändert. Aus „Leben für die Arbeit“ ist „Leben beim Arbeiten“ geworden. Interessanter Weise wird dieses Phänomen nicht nur in Deutschland sondern auch in anderen Industrieländern wie den USA beobachtet.

Herausforderung

Für unsere Branche und die Sicherstellung eines flächendeckenden Notdienst für alle Tierarten stellt diese Änderung für mich die zentrale Herausforderung für die nächsten Jahre dar:

Für die Kammern

Eine Herausforderung für die Kammern. Früher war in vielen Gebieten der Notdienst schon dadurch oft mehrfach gesichert, da viele Praxen das Notdienstangebot als unabdingbaren Service im Wettbewerb um die Kunden betrachtet haben. Heute geben Tierkliniken ihren Klinikstatus zurück und immer mehr Praxen sind ab 19.00 Uhr nicht mehr erreichbar. In immer mehr Gebieten haben die Tierbesitzer Schwierigkeiten im Notfall einen Tierarzt zu finden. Die Kammern müssen regulierend eingreifen.

Für die Praxen

Eine Herausforderung für Klinik und Praxen, die bisher Notdienst angeboten haben. Um die Regelung des Arbeitsrechts einzuhalten, sind 4 Tierärzte für 24h Notdienst notwendig. Für eine Verteilung der Dienste im Sinne der Generation Y sind 6 Tierärzte sogar noch besser. Damit stellt sich für Einheiten von < 5 Tierärzten folgende Frage: Mehr Mitarbeiter einstellen, die womöglich über Tag nicht ausgelastet sind und rumsitzen? Oder keinen Notdienst mehr anbieten und dadurch Kunden verlieren? Beide Optionen sind für die Struktur und die Finanzierung vieler dieser Einheiten zentrale strategische Änderungen.

Für die älteren Kollegen

Eine Herausforderung für jeden Kollegen der Generation Babyboomer und Generation Y, deren berufliches Selbstverständnis in Frage gestellt wird: Sie müssen akzeptieren, dass die jungen Kollegen heute ohne Vorleistung Arbeitsbedingungen erwarten, die man sich früher hart erarbeiten musste oder die gar nicht erreichbar waren. Wird der Notdienst eingestellt, kommt ein weiterer riesiger mentaler Schritt dazu. Im Notfall haben die Tiere der eigenen Kunden keinen Zugang mehr zu einer Versorgung mit dem eigenen medizinischen Niveau bzw. dem eigene medizinischem Vorgehen. Für einen erfahren Pferdepraktiker kann es z.B. sehr schwierig sein, zu akzeptieren, dass im Notfall ein Gemischtpraktiker mit Schwerpunkt Rind ein Pferd behandelt. Auch wenn der weder Pferde noch deren Besitzer richtig leiden kann. Genauso schwierig ist es, sich für einen Kleintierpraktiker auf Klinikniveau an einem Notdienstring zu beteiligen, bei dem Kollegen mitmachen, die keine Magendrehung operieren können.

Lösungen für die Praxiseinheit:

Strategische Planung der Praxisgröße:

dabei bleiben vier Alternativen übrig:

Praxis < 4 Tierärzte ohne Notdienst oder mit Beteiligung am regionalen Notdienstring

Praxis < 4 Tierärzte mit Zusammenarbeit mit gleich großer Nachbarpraxis bei der Notdienstregelung

Praxis ≥ 4 besser ≥ 6 Tierärzte mit eigenem Notdienst

Welche Alternative für die jeweilige Praxis in Frage kommt, hängt von vielen Faktoren ab.  Näher mit diesen Faktoren können Sie sich in unserem gratis online Seminar „Personalplanung für den Mark von Morgen“ beschäftigen. Die mittelfristig anspruchsvollste ist in jedem Fall eine Praxiseinheit mit eigenem Notdienst. Hier muss alles passen, um trotz Notdienst ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Liegt die Praxis in einer ländlichen für angestellte Tierärzte unattraktiven Region ist die Sicherstellung eines eigenen 24h Notdienst dagegen oft mittelfristig gar nicht möglich. Hier biete es sich an, in einem ersten Schritt die 24h Bereitschaft abzuschaffen und einen Notdienstsprechstunde bis 22.00 Uhr und ab 6.00 Uhr anzubieten.

Lösungen für die Branche:

Damit wird eine Tatsache deutlich: Eine einzelen Praxis ist mit der Aufgabe den Notdienst in einer bestimmten Region sicher zu stellen in Zukunft überfordert.  Hier sind unsere berufspolitischen Organisationen gefordert.

Für tragbare Lösungen auf berufspolitscher- ethischer Ebene müssen zusätzlich in den nächsten Jahren viele Fragen diskutiert werden: Welches Gebiet muss ein einzelner Tierarzt im Notdienst abdecken? Welche Qualifikation muss er haben? Welche Tierarten muss er behandeln und welche Leistungen anbieten? Welche Tierärzte müssen sich am Notdienst beteiligen? Wer finanziert den Notdienst? Welche Anfahrtswege sind den Kunden und deren kranken Tieren zumutbar? Welche Rolle spielen Tierkliniken? Durch diese Diskussion wird es sicher auch für die Kollegen der älteren Generationen leichter zu akzeptieren, dass sich das berufliche Selbstverständnis der Tierärzte in Deutschland ändert.

Die Zukunft:

Durch den Druck der jungen Tierärzte sind wir alle gezwungen unsere Branche so umzustrukturieren, dass alle Tierärzte gesunde Arbeitsbedingungen haben. Der größte Nachteil unserer traditionellen Strukturen war meiner Meinung nach, dass durch die körperliche Belastung der vielen Dienste Tierärzte oft ausbrannten und krank wurden. Darunter litt das berufliche Engagement und damit auch die tierärztliche Versorgung. Im Fall meiner Stelle in der kleine Pferdepraxis hat das mittlerweile dazu geführt, dass die Praxis geschlossen wurde. In der Region fehlen damit 2 Tierärzte für die Notfallversorgung. Die Nachbarkollegen sind noch mehr überlastet als früher und die Tierbesitzer telefonieren sich im Notfall die Finger wund.

Auch wenn die Umstrukturierung im Moment hart ist, so werden wir damit doch eine positive Situation für die Zukunft schaffen. Durch die gesünderen Arbeitsbedingungen stelle wir sicher, dass gesunde Tierärzte ihr ganzes Berufsleben lang engagiert arbeiten und eine gemeinsam eine flächendeckende Versorgung der Tiere sicherstellen.

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